Wenn Nichtstun Stress macht – Warum selbst Entspannung manchmal unmöglich scheint.
- Kate Bono

- 28. Dez. 2025
- 5 Min. Lesezeit

Haben wir verlernt uns zu entspannen? Wie schwierig kann Nichtstun sein?
„Das ist das erste Mal, dass ich mich überhaupt entspannen kann, bei Dir komme ich das erste Mal zur Ruhe!“ Das waren Marcs Worte, nachdem er ein paar Mal bei mir zuhause gewesen war, als wir uns kennen gelernt hatten.
An diesen Satz erinnerte ich mich eben, als ich in Ägypten nachdenklich auf der Terrasse unseres Hotelzimmers saß. Marc lag neben mir, ich hörte, wie er leicht und tief atmete - er war bereits eingeschlafen. Nachdenklich war ich deshalb, weil ich spürte: ICH KANN MICH NICHT ENTSPANNEN! Ich denke ständig, ich muss etwas tun, etwas erledigen, mich beschäftigen. Mir wurde schlagartig klar, dass ich verlernt habe, zu entspannen.
„Du bist immer so gechilled“, hatte mir auch Marcs Sohn in den ersten Wochen gesagt, nachdem ich mit Marc zusammengezogen war.
Wann habe ich das verloren? Und wie komme ich dorthin wieder zurück?
Die letzten Monate waren intensiv. Viel Ärger, viele Herausforderungen (Stolpersteine) in unserem Leben. Eigentlich begann das alles, seit Marc und ich zusammen sind. Und das ist inzwischen schon über zweieinhalb Jahre her. Meine Kinder waren bereits erwachsen, als wir uns kennen lernten. Marcs Kinder sind noch etwas jünger und die Trennung der Elternteile sorgt für allerlei Reibereien für uns alle. Aber das ist nur die Spitze des Eisberges.
In den letzten Wochen habe ich kaum noch schlafen können. Ich war ständig unter Druck und Anspannung. Da ist auch eine Menge „positiver“ Stress dabei, denn ich habe viele Projekte und unglaublich viel Energie. Ein paar Stunden am PC sitzen, einige Yogakurse aufnehmen, ein paar Stunden Videos bearbeiten, neue Projekte planen, Alltag organisieren. So sehr ich meine Arbeit liebe: Wenn Technik versagt, Tonprobleme erst nach Stunden auffallen oder äußere Umstände Druck machen, entsteht Stress.
Manchmal frage ich mich, ob das Universum einen Stress-Level-Test mit mir macht. Aber jetzt gerade machte mir ja das Nichtstun Stress. Unglaublich.
„Du bist doch Yogalehrerin, warum kannst Du dann nicht…“
Ja, ich bin Yogalehrerin – und beim Yoga (ob beim Unterrichten oder für mich selbst) ist genau die Zeit, die ich total genieße und zur Ruhe komme.
Doch außerhalb dieser Zeit fällt mir das Nichtstun schwer. Es nervt mein Gehirn. Und das ist eine Fehlprogrammierung. Selbst positiver Stress ist Stress, der nicht positiv auf unseren Körper wirkt. Unser Nervensystem ist ständig im Überlebensmodus und da gehört er nicht hin – er gehört in den LEBENSmodus.
Ich bin damit nicht allein. Jede Woche höre und lese ich von anderen, denen es ebenso geht.
Wo kommt dieser Stress-Modus her?
Manchmal ist es eine innere Stimme die wiederholt: „Sei nicht so faul“ oder „Liegst Du schonwieder faul am Sofa rum“ eine Erinnerung, die von Außen auf uns einwirkt und als Programmierung gespeichert ist.
Bei mir zum Beispiel war allem voran mein Vater der Antrieb dieses Mindsets. Wenn ich nachts vom Feiern nachhause kam, dann mähte er am nächsten Morgen demonstrativ den Rasen unter meinem Zimmerfenster - oder er stellte die Kreissäge genau unter dieses Fenster.
Das klingt absurd – und das war es auch.
Später, als junge Mutter mit Baby und Kleinkind wurde mir von der Hebamme Ruhe verordnet. Doch sobald ich mich hinlegte, wurde ich wieder an meine Pflichten erinnert: Haushalt, Baustelle, Erwartungen.
Mein Vater klopfte er an die Terrassenfenster oder klingelte wild an der Haustür: „Du musst das Haus weiter tapezieren und der Keller muss noch verputzt werden. Wenn ich den Garten sehe, da müsste mal Unkraut gezupft werden…“ Und meine Mutter kommentierte, wenn ich mich beschwerte: „Naja, aber wenn die Kinder schlafen kannst Du ja wohl den Haushalt machen, muss das Spielzeug hier überall rumliegen? Und saugen müsstest Du auch mal wieder.“ Mein damaliger Mann und meine Schwiegereltern fragten mich, wann ich endlich wieder arbeiten gehen wollte.
Alles von Außen machte mir deutlich: Es war nie genug. Ich war nie fertig.
Wer sich hineinfühlt versteht, wie daraus eine Stressroutine entsteht. Wenig Schlaf, hoher Anspruch, permanentes Funktionieren. Diese Muster begleiteten mich noch viele Jahre - auch nach der Scheidung und dem Wegzug von meinen Eltern. Nur die äußeren Stimmen wechselten. Chefs, Kollegen, Hausverwaltung...
Das ist kein Jammern. Es ist eine Erklärung. Wir sind kraftvolle, energiegeladene Wesen mit so viel Kreativität und Fähigkeiten. Doch dieses System hält uns beschäftigt, gestresst und im Mangelgefühl. So perfektionieren wir Muster, die uns krank machen.
Auch Marc wurde von diesem Muster geprägt. Er war nie gut genug, er schien für alles verantwortlich zu sein. Wir sind also beide wieder hineingerutscht. Nicht aus Schuld, sondern aus Prägung.
Was heißt das nun für mich?
- Dass ich die Bremse ziehe!
In aller erster Linie für mich – Me comes first. Aber dann auch für Marc.
Damit wir beide in diesen Chill-Relaxxed-Modus kommen, in dem ich einst war und den wir beide anfangs sehr genossen haben. Denn all diese Stresslevel sind für unsere Gesundheit wie Gift. Das kann der Körper nicht ewig ohne Folgen leisten.
Der Urlaub über die Feiertage und weg aus Deutschland ist genau der Anfang. Nicht mehr den Erwartungen der anderen entsprechen, sondern einfach nur SEIN – in unserem Tempo – mit den Dingen, die uns gut tun. Und das auch langsamer als wir es vorher taten. Die Entschleunigung haben wir in den letzten Wochen bereits gut gemeistert – ich hatte davon ja im ersten Newsletter geschrieben.
Und jetzt?
Schreibe ich den Newsletter in den nächsten Tagen gemütlich fertig und erlaube mir, mich zu ent-stressen.
Denn wir sind gut genug.
Wir tun genug.
Wir sind genug.
Nachtrag am nächsten Tag
Am nächsten Morgen liegen wir am Strand. Dieses Mal ist es Marc, der ruhelos wirkt und meint: "Mir geht es heute so, wie dir gestern. Ich hab das Gefühl ich muss irgendwas tun."
Wir haben dann später Boule gespielt, aber das und essen waren das einzige, was ich an diesem Tag an TUN getan habe.
Neben uns beobachtete ich eine Familie. Perfekt wirkend. Sportlich. Schlank. Leistungsorientiert. Ein etwa dreizehnjähriger Sohn, ein Zwanzigjähriger mit seiner Freundin und dann war da noch die kleine, etwas dickere Tochter, etwa 10 Jahre alt, die etwas verloren wirkte. Sie war am Spielen und überlegte, was sie essen könnte.
"Hast Du schon Deine Englisch-Vokabel gelernt?", fragte die Mutter streng. Das Mädchen schüttelte mit dem Kopf. "Du wirst jeden Tag hier Deine Englisch-Vokabeln lernen, jeden Tag zehn Stück, damit du nicht faul wirst."
Muss ich dazu noch was sagen?
Einen Moment später zwinkert mir Marc zu: "Hast Du gesehen, was auf der Kappe des dreizehnjährigen Jungen steht?" Ich schüttelte den Kopf.
"OBEY!"
Vielleicht ist dieser Text eine Einladung an dich, kurz innezuhalten und ehrlich hinzuspüren: Wo stehst du gerade – und was brauchst du wirklich?
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