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Familienkarma lösen - warum es nicht immer deine Aufgabe ist

Filmausschnitt mit Drama

Viele von uns glauben, sie müssten das gesamte Familienkarma lösen.

Wir wollen heilen, verstehen, vermitteln.


Gerade, wenn man sich mit all diesen Themen beschäftigt - z.B. spirituelle Bücher liest und Podcasts hört - hört man immer wieder: "Du hast dir deine Familie ausgesucht."

Also denkt man automatisch: Okay, dann muss ich es auch lösen.


Ich dachte tatsächlich viele Jahre, genau das sei meine Aufgabe. Ich war das schwarze Schaf, ich war anders als meine Eltern, meine Brüder - eigentlich anders als alle meine Verwandten irgendwie. Und genau deswegen habe ich mir eingeredet: "Dann bin ich die, die in diese Familie gekommen ist, um alles zu heilen und aufzulösen." Ich fühlte mich verantwortlich und auch schuldig.


Alles was ich lernte, versuchte ich anzuwenden:

Segnen, klären und annehmen.

Ich habe losgelassen, Gespräche gesucht, Mitgefühl aufgebaut und Verständnis gezeigt.

Tatsächlich entschuldigte ich das schlechte Verhalten der anderen ständig, weil ich dachte: "Ich hab noch nicht genug getan."


Was passierte also?

Nicht Heilung. Sondern noch mehr Widerstand. Mehr Drama.

Egal was ich tat, es war nie genug.


Was ich schon früh lernte war, dass Schuld etwas großes war. Nicht etwas großes, im Sinne von besonders, sondern eher etwas, das wie ein Damoklesschwert über allem schwebte. Als Kind war ich immer an allem Schuld. Als Teenie erstrecht. Und als Erwachsene? War ich das schuldige schwarze Schaf.


Doch machte mich das schwach? Nein. Denn ich spürte, dass mir das nichts ausmachte.

Ich lief tatsächlich rum und sagte nur noch: "Jaja, ich weiß, ich bin schuld. Is mir egal."


Was ist Schuld eigentlich?


Es ist für mich ein Gefühl, das man selbst trägt und sich schuldig fühlt. Wenn man etwas getan hat, was einem leid tut und man es bereuht. Sich aber nicht traut, sich zu entschuldigen.

Und genau damit konnte ich mich nicht identifizieren. Ich hatte nichts getan. Oder ich verstand einfach nicht, was falsch an meinem Verhalten zu sein schien.


Das richtige Wort wäre eher Verantwortung. Wenn man etwas tut, sollte man Verantwortung dafür übernehmen.


Ich reflektierte immer wieder mein eigenes Verhalten und suchte die Schuld bei mir. Weil ich es als Kind und beim Aufwachsen ja immer wieder eingeprägt bekam, dass ich Schuld war. Das sorgte in mir für Widerspruch und manchmal totale Verwirrung.


Wie kann ich etwas lösen, dass ich nicht weiß, wie ich es verursachte hatte?


Ich bin in einer Familienkonstellation aufgewachsen, die man vereinfacht erkären kann als: "Der Tyrann (Vater) und das arme Ich (Mutter)".

Emotional war keiner erreichbar. Außer durch lautes Geschrei und fliegende Pantoffeln. Meine Brüder, die früher meine engsten Vertrauten waren, halten Abstand, seit dem ich mit 19 das Elternhaus verlassen hatte.

Ich war nicht aus Trotz - sondern aus Selbstschutz gegangen. Bis heute bin ich eben nicht die Schwester, die alles mitträgt. Weil mich keiner getragen hat.

Und das sage ich nicht aus Schuldzuweisung, sondern als logische Konsequenz. Nicht zuletzt wohne ich weit weg von der gesamten Familie.


Mein Vater ist 2018 gestorben. Ich habe ihm vergeben. Das hat echt lange gedauert. Das waren jahrelange Arbeit an mir selbst, unzählige Kurse, Meditationen und gefühlt tausend Bücher. Es war eine Entscheidung. Weil ich nicht weiter tragen wollte, was mir nicht gehört.


Meine Mom lebt heute im Pflegeheim. Und immer wieder höre ich im Kopf: "Du kümmerst dich ja nie!" und "Du bist so egoistisch. Du denkst nur an dich!"


Früher hätte mich das zerfressen. Denn durch die ständigen Schuldzuweisungen von kleinauf, wurde etwas stark geprägt: mein schlechtes Gewissen.


Ich lief immer und ständig mit einem schlechten Gewissen rum.


Einige Jahre durchleuchtete ich mein eigenes Verhalten - von früher und das was ich aktuell tat. Und das Verhalten der anderen. Ich versuchte immer wieder aus der Schuld heraus zu kommen und auch keine Schuldzuweisungen zu machen. Doch egal was ich tat, es war nie genug.


"Du hast dir deine Familie ausgesucht!" - Ganz ehrlich? Bei diesem Satz bekomme ich mittlerweile Plaque! Solche spirituellen Konzepte erzeugen Druck. Es verlagert die Verantwortung völlig nur auf dich.

Du kannst nichts tun, wenn die anderen eben überhaupt kein Interesse daran haben, dieses "Karma" aufzulösen. Das ist wie ein Fass ohne Boden.


Und irgendwann kam bei mir der entscheidende Knacks:


Nicht alles, was in einer Familie schief läuft, ist mein Karma.

Und nicht alles, was ungelöst bleibt, ist meine Aufgabe!


Eine Frau sagte mir einen entscheidenden Satz und er fruchtete:

"Denken Sie doch endlich mal an sich selbst. Seien sie Egoistisch"

"Aber genau das wirft mir meine Familie immer vor!"

"Weil sie damit immer wieder einen wunden Punkt treffen. So wie ich Sie gerade kennen gelernt habe, sind sie alles andere als egoistisch. Sie denken immer nur an andere. Und damit sollte jetzt mal Schluss sein."


Grenzen setzen ist kein Ego!


Ich befreite mich vor einigen Jahren von diesem ständigen Druck und davon es allen Recht machen zu wollen. Ich löste mich von dem Denken "Ich muss das lösen" und von meinem schlechten Gewissen.


Was blieb, waren drei Jahre, die ich nicht mehr bei meiner Mutter im Pflegeheim war. Drei Jahre Abstand. Drei Jahre ohne Besuch.


Und weißt du was? Niemanden schien es zu kümmern.


Aber mich.

Die Stimme in meinem Kopf sagte:

"Du bist egoistisch."

"Du kümmerst dich nicht."

"Du bist eine schlechte Tochter."


Schuld ist oft lauter als Realität.


Es war ein altes Echo. Das war mir klar. Aber wie würde meine Mutter reagieren, wenn ich plötzlich wieder vor ihr stand? Wäre sie sauer und enttäuscht (wie früher), dass ich mich nicht mehr gemeldet und sie besucht hatte? Wollte sie mich überhaupt sehen?


Nun war die Angst lauter als die Schuld. "Du bist selbst schuld!"


Doch als ich dieser Stimme folgte wurde mir klar, dass es keine Angst ist. Auch keine Schuld. Sondern Opferhaltung. Aber ich bin kein Opfer!


Und dann - nach drei Jahren - fuhr ich doch.


Nicht aus Pflicht.

Nicht aus schlechtem Gewissen.

Nicht aus Druck.

Nicht, weil man es von mir erwartete.


Sondern, weil ich es wollte.

Weil ich meine Mutter liebe, egal was passiert war. Sie ist meine Mom.


Und dann betrat ich das Pflegeheim. Sie saß am Tisch im Essenssaal. Ich hatte Angst, wie sie reagieren würde. Ich hatte solche Angst, dass sie mich davon jagen würde. Oder mich gar nicht mehr erkennt.


Doch dann blickte sie auf und erkannte mich sofort. Ihre Augen wurden groß und sie rief: "Du bist da! Du bist endlich da!"


So tiefe Umarmung.

Tränen. Lachen. Freude.


Kein Drama.

Kein Vorwurf.

Kein "Warum warst du so lange nicht da?"


Pure Liebe und Freude.


Und da wurde mir klar:

Frieden entsteht nicht dadurch, dass wir uns aufopfern.

Sondern dadurch, dass wir aufhören, uns schuldig zu fühlen für etwas, das wir nie verursacht haben.


Vielleicht besteht Familienkarma nicht darin, alles zu heilen.

Vielleicht besteht es darin, zu erkennen, wo deine Verantwortung endet.


Du bist verantwortlich für dein Verhalten.

Für deine Worte. Für deine Entscheidungen.


Aber du bist nicht verantwortlich für:


  • unverarbeitete Emotionen anderer

  • die fehlende Reflexion deiner Familie

  • ihre Projektionen

  • ihre Schuldzuweisungen


Manchmal ist der größte Akt der Heilung nicht das Bleiben - sondern das Gehen.


Ich habe meinen Eltern verziehen.

Ich habe mir selbst vergeben.

Und ich habe aufgehört, das Drama lösen zu wollen.



Unsere Aufgabe ist nicht, das Familienkarma zu lösen –

sondern uns selbst daraus zu befreien.




Wo trägst du noch Verantwortung oder sogar Schuld, die eigentlich gar nicht deine ist?




1 Kommentar


Grit
Grit
vor 6 Tagen

Oha, damit habe ich nicht gerechnet - ich bin gerade beim Abendessen, lese nebenbei diesen Beitrag und jetzt sitze ich hier mit Tränen in den Augen... 🥺

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